Raiding on the Edge

Tanandra hat mich mit ihrem Kommentar zu diesem Beitrag angeregt, das wäre als Antwort dann doch etwas zu lang ausgefallen, daher widme ich dem Thema mal einen separaten Beitrag.

Nun, warum macht das sogenannte "Raiden on the Edge“ überhaupt Spaß? Wie so oft liegt der Reiz in der Herausforderung etwas zu schaffen, was von vielen als zu schwer angesehen wird. Dieses erfordert dann Übung, Vorbereitung in Form von Gear und Consumables und eine Menge Zeit und Geduld.

Der Bergsteiger oder Marathonläufer braucht hier ebenso eine gute Ausrüstung, Erfahrung und Kondition um ans Ziel zu kommen. Der Vergleich zum Extremsport ist also gar nicht mal so abwegig. Sicherlich laufen Leute einen Marathon auch nur zum Spaß mit, tun dies aber aus anderen Gründen als ein Profi.

Hier liegt dann auch der Unterschied bei den WoW-Spielertypen. Der Profi will alles perfektionieren, angefangen vom eigenen Gear, seinen Berufen bis hin zum Raidsetup. Der Casual will einfach spielen um unterhalten zu werden.

Und hier liegt auch das eigentliche Problem: Die Hardcore’ler reizen idR. ihren Char und was mit diesem möglich ist viel weiter aus, als das es mancher Casual tut. Sprich sie können 100km weit laufen, wo der Casual nach 25km schon keine Lust mehr hat. Dies soll jetzt kein Vorwurf sein, lediglich eine Feststellung. So habe ich z.B. keine Lust auf der Arbeit eine 60 (oder mehr) Stundenwoche zu haben. Leider muss ich dann auch auf 200.000 Euro (oder mehr) Jahresgehalt verzichten. Für andere ist es die Erfüllung niemals ihre Familie zu sehen, keine Freizeit zu haben, dafür aber einen dicken Kontostand. Ich hoffe ihr wisst, worauf ich hinaus will. Jeder hat ein anderes Ziel, ist mit was anderem völlig zufrieden, was anderen niemals ausreichen würde.

Nun ist es die Aufgabe von Blizzard Encounter so zu designen das sie spielbar sind. Welche Werte sollen nun zu Grunde gelegt werden? Die des Hardcore- oder des Casualraids? Wird der Encounter zu leicht, langweilen sich die Hardcore’ler und haben den Content zu schnell durch, was sehr schnelle Contentupdates seitens Blizzard erfordern würde. Sind sie zu schwer, kommen nur ein paar Raids durch, der Rest kommt erst zum Zuge wenn die Instanz generft wird.

Wo und vor allem wie sollen nun Gearchecks und Cock Blocker angesetzt werden? Setzt man das optimalste Gear voraus, oder das schlechteste? Wie hart muss der Tank sein, welchen HPS müssen die Healer leisten, welchen DPS die Damage Dealer? Welchen Skill müssen die Leute beweisen? Was müssen die Leuten aus ihrem Char heraus holen können? Oder reicht still stehen und Knöpfchen drücken aka Tank&Spank? Nein, ich glaube nicht das man Encounter so designen kann, das alle Spaß daran haben, dafür sind die Spielerstereotypen zu unterschiedlich. Es gibt Krieger die können 5 Mobs problemlos an sich binden, es gibt Krieger die schaffen es nicht mal einen Mob bei sich zu halten.

Ich bin sicher, dass noch immer sehr viele Leute nicht in SSC/TK wären, wenn nicht die Trails of Naaru erst generft und dann ganz abgeschafft worden wären, bzw. BT/MH mittlerweile leer wären, weil Kael + Vash noch immer nicht down wären. Selbst Magtheridon war prä Nerfs ne richtig harte Nuss und selbst in der geglaubten Einfachheit einen Knopf drücken zu müssen, schafften es immer wieder Leute hierbei zu versagen. Nicht umsonst wurde das Knöpfchendrücken bei Maggi mittlerweile natürlich auch generft.

Wie soll Blizzard einen Encounter für alle designen wenn sich die Spielermasse einfach reduziert gesagt unterscheidet in Leute die nen Knopp drücken können und Leute die selbst das vergimpen? Nein, hier muss ein ansteigender Schwierigkeitsgrad her, damit das Spiel für alle Spielertypen spannend und fordernd bleibt. Daher finde ich die Abschwächung nach einiger Zeit gar nicht so verkehrt, damit alle die Chance haben die z.T. wirklich gut designten Encounter zu sehen. Sicherlich hat das „Content & Epixx für Alle“ Prinzip einen negativen Beigeschmack, aber Spieler die sich darüber beschweren haben entweder den Content schon seit Monanten clear, oder hätten ihn clear haben können, wenn sie mehr Zeit ins Spiel investiert hätten oder sich einen spielstärkeren Raid gesucht hätten. Wie im Leben ist auch im Spiel alles möglich und jeder ist seines Epixx Schmied (schaut euch Mesh an. Innerhalb eines Monats von 1 auf 70 und mittlerweile schon wieder voll episch, mit 4x T6. Wo eine Wille ist, na ihr wisst schon…). Von daher überlese ich solche Beschwerden immer und denk mir: Der Wayne Train fährt mal wieder nach Nirgendwo.

Noch heute seh ich fast jede Woche, wie trivial ein Encounter nach diversen Nerfs werden kann: Archimonde. Der Spielraum für Fehler, suboptimale Setups oder schlechteres Gear ist viel größer geworden als in der ursprünglichen Fassung.

Auf diesem Niveau würde mir persönlich das Raiden schlicht und einfach keinen Spaß machen. Raiden besteht für mich aus dem Erlernen eines neuen Encounters, dem Ausknoblen von Taktiken, der Gearoptimierung, der Skillungsanpassung und endet Wochen später mit dem Firstkill Screenshot. Wäre der Encounter zu leicht, fehlte die Herausforderung. Wenn es beim Encounter egal ist, ob ich grün, blau oder high-end episch equippt bin, fehlt der Anreiz zum Perfektionismus und der Gear- & Skillungsoptimierung.

Sicherlich ist der Verschleiß an Personal in diesen Top-Raids größer als in den familiären Casual-Raids, da hier bei Fehlern auch mal jemand angebrüllt wird, oder ein hohes Onlinepensum samt Raidbeteiligung vorausgesetzt wird. Ändert sich hier die Bereitschaft diese zu leisten ist man auch ganz schnell wieder draußen, da andere bereit sind öfters für ihr Gear in der Instanz zu stehen als man selbst. Aber ein Manager wird auch sehr schnell kein Topgehalt mehr kassieren, wenn er nicht mehr bereit ist eine 60 oder mehr Stundenwoche zu leisten und lieber statt dessen auf Teilzeit sich mehr um seine Familie kümmern will. Hier muss halt jeder wissen was er sowohl im Real-Life als auch InGame erreichen will.

Wie lange ist man bereit „on the Edge“ zu spielen? Ich denke solange man Zeit und Lust dazu hat. Meine Frau und ich marschieren so langsam aber sicher auf die 30 zu. Ich denke ich werde in WotLK noch ein letztes mal voll durchpowern, aber dann steht so langsam aber sicher auch die Nachwuchsplanung vor der Tür, was dann unweigerlich das Ende meiner MMO Laufbahn bedeuten würde. Ich bin nun mal der „Ganz oder Gar nicht“ Typ, was dann ganz für die Familie bedeuten würde und gar nicht mehr online spielen. Beides ließe sich einfach nicht vereinbaren, da ich unweigerlich etwas vernachlässigen müsste. Und das will ich meinem Kind nicht antun.

Mag sein das ich diese Meinung noch revidieren werden, wenn es denn tatsächlich soweit ist und ich die Sache mit etwas mehr Distanz zum Spiel betrachten kann und es mir dann doch möglich ist, das Spiel auch als Casual zu spielen. Wobei der Vorteil bei Offlinegames nun mal der ist, das man jederzeit wenn der Kleine den Brei an die Wand spuckt das Spiel auch pausieren kann, was man nun mal bei MMOs mitten im Raid nur schwerlich kann.

Abschließend möchte ich noch mal betonen, dass ich unseren Raid nicht für einen absoluten Top-Raid halte. Wir sind gut, ja, aber eben nicht sehr gut. Dafür fehlt das letzte bisschen, der Hang zum Perfektionismus sowie die Nerdigkeit bei einigen Raidkollegen. Das soll jetzt keine Kritik oder Vorwurf an unseren Raid sein, lediglich eine Feststellung. Ich bin damit zufrieden, da es genau das Mittelmaß an familiärer Atmosphäre und professionellem Raiden ist, wie ich es mir wünsche. Ein erfolgsorientierter Raid a la Affenjungs Inc., wo man im Forum bereits den Eindruck bekommt, man habe es nur mit prä pubertären Halbstarken zu tun, wo Erfolg > All ist, nein, dafür bin ich dann mittlerweile dann doch wohl schon zu alt. Ein kuscheliges Ambiente zum Wohlfühlen gehört für mich halt auch dazu und ist der Hauptgrund, warum ich hier und nicht woanders raide.

Marcus Lottermoser
Streamer/YouTuber/Redakteur at Myself
Jahrgang '79, seit Ende der '80er nerdiger Gamer. Absolvierte die Ausbildung zum Editor bei der Computec Media AG (PC Games) in Fürth. Kommunikationsdesigner durch die School of Life, Streamer und YouTuber aus Leidenschaft! Google+