Die Qual der Wahl – Playerchoices in MMO bezogen auf die Ausrüstung

Zu dem Thema gibt es aus meiner Sicht zwei Aufhängepunkte. Zum einen eine Diskussion, die bei uns im Gildenforum aufflammte, Ausgangspunkt war die Frage, wie verfügbar Gear in einem Spiel sein soll. Die Aussage eines unserer Druiden:

ich bin halt immer der meinung gewesen, dass gearchoice mehr als gearqualität aussagt, und die wahrheit aufm platz liegt.

Aber wieviel Gearchoice hat der Spieler eigentlich in WoW? Immerhin ist ja auch ein Argument von Blizzard, dass die Wahl zwischen verschiedenen Items für jeden interessierten Spieler machbar sein soll, weshalb einige Stats nun verschwinden. Schauen wir uns aber den durchschnittlichen Spieler in den Städten oder auch in den Raids an, dann stellen wir schnell fest: 90 % der Leute haben 4-5 Setteile an, das 5. Teil auf dem Setslot ist, wenn es kein Setitem ist, meistens ein im Ilvl höherwertiges Stück (oft der 245er Helm zum restlichen 232er Gear). Man sieht nur sehr wenige Leute, die bewußt auf das Set verzichten, einfach, weil es einerseits viel leichter zu farmen ist (dies gilt mittlerweile auch für das T10) als die Nonsetitems, die nur in den Instanzen droppen, zum anderen, weil die Setboni oft gut genug sind, dass sie mitgenommen werden. Der Restoschamanen T9 Bonus war da wirklich eine ziemliche Ausnahme. Insofern kann man sagen, dass 90 % der Spieler schonmal 5 Slots haben, wo Sie nicht groß nachdenken müssen.

Wenn ich mir dann die Zahl der verfügbaren Ringe/Amulette anschaue, dann erkennt man, dass hier eher eine Auswahl zu trefffen ist. Allerdings: oft wird schlichtwegs das getragen, was man bekommen kann, weil es gerade gedroppt ist. Gleiches gilt für Trinkets, wobei auch hier dank der guten Qualität einiger Markentrinkets bei vielen Klassen schonmal Slot 1 fest belegt ist. Wenn ich jetzt einen Heiler sehe, der auf dem ersten Slot das Markentrinket trägt und auf dem zweiten das PdK/PdoK 25er, dann gibt mir das nicht wirklich nen Hinweis, ob er Ahnung hat. Ob er etwa einen Abacus in der Tasche hat und den nicht nutzt.

Bei den Waffen wird es oft noch trivialer, auch hier kann ich einem Spieler allenfalls ansehen, ob er Ahnung hat, wenn ich auch den Inhalt seines Rucksacks kenne oder weiß, welchen Loot er nicht mitgenommen hat. Und selbst dann sind die Unterschiede oft sehr marginal.

Was bleibt also? Sockel und Enchants. Klar gibt es hier einige Fails, die denkbar sind. Etwa Leute, die keine Caps treffen. Magier die Int sockeln. Und ähnliches. Aber das Basteln von Templates zur DPS Gewinnung ist einerseits dank Rawr mittlerweile für die meisten Klassen recht simpel (Enhancer mit seinen hohen Caps ist hier denke ich eine der wenigen Ausnahmen) und zum anderen sind die meisten Ausrüstungsteile soweit harmonisiert, dass es kaum Unterschiede gibt.

Dass es auch anders geht, beweist WoW im Bereich frisch 80 mit der blauen Ausrüstung, auch bei War war es so, dass man auf dem Weg zu den beiden ersten Ward Stufen (und auch zur dritten) die Auswahl zwischen mehreren Sets hatte, die man frei kombiniieren konnte (auch wenn offset Teile dank der vielen Setboni oft nicht genutzt wurden).  Noch krasser ist dies etwa in Eve Online.

Denn in Eve gibt es nicht das perfekte Schiff oder das perfekte Fitting. Vielmehr paßt man das Fitting und das Schiff an den Zweck an, den es erfüllen soll. Wenn wir eine unserer Guardian Gangs fliegen, dann heißt es High DPS, High Resist Buffer Fits. Was nichts anderes heißt als ein Battleship, armortanked mit guten Resistenzen (um den Guardians Zeit zu geben, einen aufzuschalten und zu reparieren) und Nahkampfbewaffnung mit 2-3 Damagemods (Heat Sinks, Magnetic Stabilizers etc). Das heißt im Umkehrschluss: keine Shieldtanks (Scorpions und Ravens müssen mit Plates und Armorresists gefittet werden), keine Sniping Ships und keine Hacs/Cruiser etc es sei denn, es wird als Ergänzung mitgenommen. Wenn ich hingegen Explorations fliege, dann brauche ich einen ganz anderen Schiffstyp – nämlich einen mit einem guten lokalen Tank, gutem DPS auch über mittere, idealerweise auch über lange Distanz, hinreichend beweglich und agil, um damit auch mal ein paar Jumps durch unsicheres Gebiet zurücklegen zu können. Das ist etwas, was mir die Tengu bietet, gerade auch dank der Möglichkeit, Subsystems zu wechseln und mit Cloak und Immunität gegen Bubbles zu reisen.

Andererseits gibt es in Eve zwar viele Fittings, die funktionieren – aber noch mehr, die schnell berechtige Flames für Failfitting anziehen. Beispielsweise, wenn Tankarten vermischt werden. Wenn nur Plates gefittet werden aber keine Resistance Mods (was im Endeffekt mehr Tank und mehr Agilität bedeuten würde) oder im Gegenteil Schiffe, die nur Damagemods und keinen Tank haben (was in 99% der Fälle auch unsinnig ist, weil die Stacking Penalties von Eve, alsodie Mali, die man für mehrere gleichartige Effekte bekommt, irgendwann den Nutzen soweit reduziert, dass man den Slot besser anders belegt hätte.

Einer der Gründe, warum wir mit unserer Allianz so erfolgreich sind, ist eben auch die Tatsache, dass bei uns ernst gemacht wird mit den Fittingansagen. Wer mehrfach, gerade in Fleetops, mit Fittings aufschlägt, die nicht dem Geforderten entsprechen, muss sich halt ein anderes Zuhause suchen. Denn in manchen Kämpfen kann der Verlust eines Battleships schon das Ende vom Kampf sein, weil man nicht mehr genug DPS auf dem Feld hat. Noch krasser ist dies bei den Spezialschiffen wie den Logistics. Wenn da jeder fittet, wie er lustig ist, endet das meistens sehr unschön.  Natürlich gibt es kleinere Abweichungen bei manchen Schiffen, so fliegen etwa viele bei uns die Geddon mit einem passiven Tank wo ich drei aktive Hardener und ein Resistance Rig nutze. Aber die geforderten Schwellenwerte im Bereich EHP (Effective Health) und DPS werden erfüllt und das ist das Entscheidende.

Wenn man solo unterwegs ist, ist das Ganze natürlich etwas entspannter. Aber im Endeffekt gilt auch hier, wer seine Allianz mit krassen Mißgriffen hier bloßstellt, der kann zumindest damit rechnen, ein Gespräch mit einem der Direktoren zu haben (und wahrscheinlich diverse Flames auf dem Killboard zu kassieren). Es wird also erwartet, dass man sich Gedanken um die Ausrüstung und deren Einsatzzweck macht. Und es wird honoriert/bestraft durch Peerreview und die Allianzführung, wenn man hier failt. Das mag in der Abstufung jeweils anders sein und den einzelnen Missionrunner in seiner Privatcorp nicht betreffen. Wer aber in einer PVP Allianz aktiv ist, den wird das so oder so betreffen.

Ein passender Spruch eines ehemaligen CEOs von mir dazu:

Fit to win or die like a moron

Was will ich damit sagen? Ein MMO lebt davon, dass der Spieler die Wahl hat. Die Wahl, die auch dazu führt, dass er Fehler machen kann. Wenn also Blizzard sagt, dass man die Wahl der Spieler erleichtern wolle, dann kann dies auch heißen, dass das Gear noch stromlinienförmiger wird, und die leichte Wahl keine Wahl ist, weil es an Optionen mangelt. Ist dies der richtige Weg? Nach dem zuvor Ausgeführten würde ich sagen nein.

Marcus Lottermoser
Streamer/YouTuber/Redakteur at Myself
Jahrgang '79, seit Ende der '80er nerdiger Gamer. Absolvierte die Ausbildung zum Editor bei der Computec Media AG (PC Games) in Fürth. Kommunikationsdesigner durch die School of Life, Streamer und YouTuber aus Leidenschaft! Google+