Heilen für Fortgeschrittene – ein Guideversuch

Relativ viele neue Heiler fragen sich, wenn sie auf 80 angekommen sind, wie sie nun in 5ern und in Raids heilen sollen. Für diese Spieler gibt es sehr viele Guides, auch auf diesem Blog. Wo es allerdings weitaus weniger Angebote gibt, ist für jene Spieler, die bereits raiden, aber eben nicht das Optimale aus ihrem Charakter herausholen. Das mag teilweise daran liegen, dass viele Spieler damit zufrieden sind mit ihrer Spielweise oder sogar eine gewisse Gleichgültigkeit herrscht hinsichtlich der eigenen Leistung. Andererseits muss man auch feststellen, dass viele Themen in den einschlägigen Foren derartig viele falsche und halbrichtige Aussagen enthalten, dass es geradezu frustrierend ist, hier gute Informationen zu gewinnen (ein Grund, warum ich kaum noch im offiziellen Forum poste).

Ich möchte im heutigen Artikel einige Punkte beleuchten, die in meinen Augen den Unterschied machen können zwischen einem brauchbaren und einem wirklich guten Heiler. Das Ganze ist nicht abschließend, natürlich auch von meiner Perspektive als Schamane gefärbt. Ich hoffe, es hilft dennoch dem ein oder anderen, sein Spiel etwas zu verbessern.

Recount Heiler sind Fail Heiler

Natürlich ist es wichtig, auch den Durchsatz der Heiler zu kontrollieren. Ein Heiler, der als Tankheiler bei einem harten Boss nur alle 10 Sekunden einen Cast rausdrückt, wird seine Rolle nicht erfüllen können. Aber: wer heilt und dabei nur auf Recount/World of Logs schielt, der tut seinem Raid damit einen Bärendienst. Einerseits verkennt derjenige, dass der eigenen Healoutput im Wesentlichen auch durch seine Kollegen limitiert wird – schildet der Diszi den ganzen Raid zu und es kommt eben nur wenig Schaden, dann kann sich der Schami oder Druide noch so bemühen, er wird nicht die Numbers hinbekommen, um den Disziabsorb zu schlagen. Wenn er es dennoch versucht, endet das nur in einem sinnlosen Wettrüsten. Richtig in einer solchen Situation ist vielmehr, das zu machen, was der Diszi nur begrenzt machen kann, wenn er schildet: Bursthealing, Tankheal, Decurse.

Der richtige Spellmix

Eigentlich ist das auch ein Thema für den frischen Heiler. Aber gleichzeitig ist es ein Thema, das nie wirklich erschöpft ist, egal auf welcher Spielstufe man sich befindet. Das bedeutet: Ausnutzen von Proccs bzw diese provozieren, gleichzeitig aber auch nicht nur auf diese Proccs zu spielen ist sehr wichtig. Gerade mit den T10 Boni wird dies noch wichtiger. Ein Schamane, der Riptide mit T10 Bonus nicht nutzt, verschenkt oft Potential, selbst in chainheallastigen Kämpfen. Nicht jeder Setbonus ist wirklich gut, gleiches gilt für die Proccs. Aber die meisten Mechaniken dieser Art haben zumindest brauchbare Effekte. Andersherum ist es aber auch wichtig, sich in bestimmten Kämpfen auch die richtige Sequenz an Spells zurechtzulegen. Gute Beispiele hierfür sind Anub’arak Hardmode oder Valithria Dreamwalker. Ein anderes Beispiel dafür ist Lichking Heroic im 25er. Hier haben wir zeitweise mit einem dritten Tank gespielt, der die Ghule getankt hat, um die Krankheiten zu stacken. Auch wenn wir dies aufgegeben haben, war der DK, der dies getan hat, immer ein typischer Kandidat für Infest Ticks. Ergo habe ich immer versucht, mittels Riptide oder Chainheal einen Tidalwaves Procc vor dem Infest zu bekommen und dann dem DK eine beschleunigte Healingwave reinzudrücken.

Buffs, Debuffs und Decursing

Mittlerweile hat fast jeder Heiler eine Form von Buff, die er aktiv halten kann. Beim Schamanen ist das einerseits Ancestral Healing, andererseits der Erdschild und zu guter Letzt natürlich die kontrollierten und unkontrollierten Hots. Dazu kommt, dass jeder Heiler mindestens 2 Formen von Debuffs entfernen kann. Viele Recount Heiler vernachlässigen diese Pflichten sträflich und das führt dann oft dazu, dass einerseits viel mehr geheilt werden muss, andererseits aber auch der DPS massiv beeinträchtigt wird (Curse of Stupor bei Lady Deathwhisper ist ein exzellentes Beispiel dafür). Eine wichtige Voraussetzung, um diese Aufgaben zuverlässig wahrnehmen zu können ist ein gut eingestelltes Raidframe, dem man auf einem Blick entnehmen kann, wo welche Buffs unterwegs sind und welche Debuffs entfernbar sind. Wenn diese Grundlage gelegt ist, muss der Heiler diese Informationen aber auch nutzen. In meinem Fall heißt das etwa beim Lichking, dass ich manchmal die Tanks mit schnellen Heilungen zuspamme, einfach um einen Procc zu erzeugen.

Schaden antezepieren und reagieren

Ein guter Heiler zeichnet sich auch dadurch aus, dass er in vielen Fällen schon weiß, wo Schaden einschlägt, bevor dieser eintritt. Auch hier hilft wieder ein gutes Raidframe, das die Raiddebuffs anzeigt. Ein gutes Beispiel ist der Link bei der Bloodqueen, man hat hier fast eine Sekunde Vorwarnzeit, bevor der erste Schaden einschlägt – Chainheal auf eines der Ziele angesetzt und man heilt nicht nur den auf diesem Ziel einschlagenden Schaden sondern auch den Splash Damage, der durch den Link entsteht.  Ein anderes Beispiel, das uns wohl auch bei Halion wieder blüht, sind die Atem der Drachen. Diese haben alle eine Castzeit im Bereich von 1,5 Sekunden. Ein Tankheiler wird den Heal idealerweise so timen, dass dieser 1-3 Zehntel nach dem Einschlag des Atems trifft – hierbei hilft ein Castbar Addon wie Quartz ungemein. Für solche Kämpfe empfiehlt sich ein Fokus Target auf den Boss mit passender Castbar, denn das hin und herwechseln von Zielen ist hier denkbar unpraktisch und kostet einiges an Healleistung. Ein anderes Beispiel ist natürlich das vor hotten von Zielen. Das gilt für Tanks vor dem Pull (idealerweise mit Ancestral Healing Buff), aber auch etwa für Eisblöcke bei Sindragosa, denn die Hots ticken im Block weiter.

Ein weiteres Beispiel ist die aber schon wirklich recht anspruchsvolle Technik, per Mouseovermacro Leute außerhalb des Raidframes zu heilen, wenn man etwa Blobs beim Professor fliegen sieht.

Der mobile Heiler

Im Stand zu heilen ist relativ einfach. Richtig schwierig wird es, wenn viel Schaden auf den Tank oder die Gruppe kommt und man gleichzeitig laufen muss. Es gibt hier einige Techniken, die es dem Heiler erleichtern, mit gutem Stellungsspiel und bedachter Bewegung im richtigen Moment den kritischen Heal zu setzen. Ein Beispiel ist das Bockspring Verfahren. Es geht im Wesentliche darum, zu verhindern, dass alle Heiler gleichzeitig laufen. Stattdessen bewegt sich ein Teil der Heiler, wenn diese Gruppe steht, zieht der Rest nach. Bei längeren Strecken läuft es oft so ab, dass Gruppe 1 die halbe Strecke läuft, dann die Heilung übernimmt, während Gruppe 2 die komplette Strecke läuft. Auf die Weise kann man einen Raid relativ problemlos um 40-60 Meter verlegen.

Ein anderer Grundsatz ist der, dass man durch gutes Stellungspiel die eigene Bewegung reduziert, so weit das möglich ist. Das kann heißen: etwas außerhalb der Camps stehen, wenn es einen Kampf mit sogenannten RSTS, also Random Secondary Target Spells – zufälligen Sekundärangriffen gibt. Die Chance, in der eigenen Nähe einen solchen Effekt abzubekommen sinkt eben sehr stark, wenn man isoliert steht. Ferner kann man versuchen, die Tankbewegungen zu antezpieren und eben so zu stehen, dass der Tank an einem quasi vorbeiläuft.

Wichtig ist ferner, dass man nicht unbedingt dann losläuft, wenn es im Raid mehrere Leute mit wenig HP gibt. Das läßt sich zwar nicht immer vermeiden, aber die Reaktionszeit, wenn man einmal in Bewegung ist, ist oft zu groß, um einen zweiten Schadenseinschlag dort wegzuheilen. Ideal ist es natürlich, wenn man die Leute vorher noch hottet und schildet.

Cooldown Einsatz

Cooldowns sind nicht nur zum Anschauen da sondern auch zum Benutzen. Viele Tode sind durch Cooldown Einsatz vermeidbar und passieren nur, weil der Betroffene oder der Heiler die Dringlichkeit der Lage nicht erkannt haben und entsprechend reagiert haben. Natürlich geht es nicht darum, Johnny Voidzone Rocker jeden Tag aufs Neue den Hintern zu retten, aber oft stellt man nach diversen Tries fest, dass etwa der Tank kippt und niemand kommt auf die Idee, mal Tankexterne Cooldowns zu verwenden. Anders herum gilt dies auch für regenerative Fähigkeiten. Ein Manatide zu stellen, wenn Heiler Nummer 5 auch leer ist, ist absolut sinnlos. Lieber setzt man diese Fähigkeit ein, wenn bei den ersten Spielern noch 30-40 % Mana vorhanden ist. Wichtig ist hierbei auch, im Auge zu haben, wie oft man die Fähigkeit im Kampf einsetzen kann. Dauert der Kampf genau 5 Minuten, ist es natürlich sinnlos, das Tide sofort beim Pull zu stellen und dann in den letzten 10 Sekunden nochmals. Dauert der Kampf aber 7 Minuten, kann man durchaus mal nach einer Minute schon ein Tide spendieren.

Interface – Bullauge versus Minimalist

Das Heilerbullauge ist eine der schlimmsten UI Entwicklungen, die es gibt. Was ich damit meine? Die Heileruis, die nur noch in der Mitte ein kleines Blickfeld übrig lassen für das Geschehen und ansonsten mit Elementen zugekleistert werden. Damit handicapt sich der Spieler in sehr krasser Weise, denn er sieht weder, was im Raid passiert noch bekommt er mit, wenn er selber sich bewegen muss. Auch werden Informationen nicht mehr sauber getrennt dargestellt sondern oft wild vermengt.

Andererseits käme ich zumindest mit minimalistischen UIs nicht klar, das muss aber jeder für sich selber testet. Ein wichtiges Element ist auf jedenfall ein gutes, zentral angeordnetes Raidframe, auf dessen Einstellung und Pflege ruhig mal etwas mehr Zeit verwendet werden sollte. Zentral heißt dabei jedoch nicht, dass man mit dem Grid/Healbot/Xperl die eigene Spielfigur verdeckt, Übersichtlichkeit bleibt hier oberstes Gebot.

Situationsbewußtsein

Situationsbewußtsein bedeutet möglichst jederzeit zu wissen, was im Raid passiert. Beispielsweise merkt man, ob beim Palatank der Ardent Defender geprocct und somit auf Cooldown ist. Oder sieht man, dass der Raid schlecht steht und mahnt man dies nun im Ts an. Diese Fähigkeit läßt sich nur durch aktives Spielen verbessern und ist ein Grund, warum ich der Ansicht bin, dass nur jemand, der regelmäßig Progress raidet auch in der Lage ist, wirklich am Limit zu spielen. Denn ansonsten werden diese Fähigkeiten nicht gefordert und folglich nicht geschärft. Viele der zuvor genannten Punkte fallen auch unter Situationsbewußtsein, nämlich zu wissen was passiert um dank diesem Bewußtsein bewußte Entscheidungen zu treffen.

Heilen im Raid ist Teamwork

Die Heiler in einem Raid sind nur so gut wie das schwächste Glied. Klingt platt, ist aber so. Wer nicht versteht, warum das so ist, sollte sich einfach mal fragen, warum man überhaupt unterschiedliche Heilerklassen mitnimmt. Jeder Heiler hat seine Stärken und Schwächen, auch wenn das Balancing nicht perfekt ist. Fehleranalysen sollten ebenso im Kollektiv organisiert werden wie Zuteilungen. Ein gutes Healingteam ist so ziemlich das Wertvollste, was ein Raid haben kann, umgekehrt ist ein Raid mit 6-7 Einzelkämpfern zur Mittelmäßigkeit verdammt. Wenn die Heiler als Team agieren, sind auch automatisch einige der Punkte, die hier aufgeführt sind, geregelt. So haben Recount Heiler in solchen Teams selten eine echte Chance, ebenso werden Sachen wie Decursing oft wie selbstverständlich verteilt und gehandhabt.

Selbstreflektion

Ein Punkt, der nicht nur für Heiler gilt: nur wer immer wieder in Frage stellt, was er macht und warum er etwas macht, ist auch in der Lage, die Antworten auf die Frage zu finden, wie er es noch besser machen kann. Selbstzufriedenheit führt letztendlich zu Stillstand. Die wirklich guten Spieler, die ich kennengelernt habe, waren nahezu allesamt in der Lage, nachzuvollziehen, was in einem Try schiefgelaufen war und dann aber auch Lösungsansätze zu liefern.

Marcus Lottermoser
Streamer/YouTuber/Redakteur at Myself
Jahrgang '79, seit Ende der '80er nerdiger Gamer. Absolvierte die Ausbildung zum Editor bei der Computec Media AG (PC Games) in Fürth. Kommunikationsdesigner durch die School of Life, Streamer und YouTuber aus Leidenschaft! Google+