Barmherziger Samariter oder eiskalter Manipulator

Sehr zugespitzt, diese Frage. Aber genau darauf läuft es im Endeffekt hinaus, was momentan durch den Blog von Yitu als Diskussion ausgelöst wurde. Yitus Ausgangspunkt war ein ökonomischer, nämlich die Frage, wie sich die Übertragbarkeit von Items oder eben gebundene Items auf die Wirtschaft, aber auch auf die Spieler auswirken, die nun nicht mehr einfach gebrauchte Dinge durchreichen können an jüngere Spieler oder Twinks. Daraus wurde dann bei Montbron ein generelles „Ich helfe gerne“, bei Noma hieß es hingegen zugespitzt „Ich helfe niemanden, weil ich zu oft enttäuscht wurde“.

Wie in vielen Dingen sind wir in diesem Punkt denke ich ein Opfer eigener Erfahrungen und Erwartungen. Nach meiner Erfahrung ist es in der Regel doch so, dass man sich in einer größeren Gilde, wo man nicht jedermanns Freund sein kann (und es imho auch nicht versuchen sollte, das geht eh nur schief), dass man sich einen kleineren Freund an Ingamekollegen sucht, mit denen man auch außerhalb der festen Termine (aka Raids) sich zusammentut und einander hilft. Wenn unsere Stoffis wieder alle Thunderfury farmen wollen und noch wen brauchen, dann komm ich halt mit, wenn ich grad nix wichtiges zu tun habe. Ein anderes Beispiel sind die Gruppenquesten, über die jeder Twink stolpert (Arenen in Grizzly Hills und Zul’drak beispielweise). Rüberfliegen, umhauen, heimporten. Ist in ner viertel Stunde gemacht und jeder der Beteiligten weiß, dass der andere beim nächsten Mal auch helfen wird. Das muss man nicht nachhalten oder dann ins Gedächtnis rufen, das passiert einfach.

Bei mir kommt dann noch dazu, dass ich einer von geschätzt 3 Potalchis in der Gilde bin. Und so habe ich schon mehrfach eine gute Viertelstunde oder mehr nur mit dem Blubbern von Tränken verbracht. Aber warum auch nicht. Dafür kann ich für meine Twinks jederzeit Crafts jeder Art besorgen ohne Crafting Fees, kenne 2-3 Enchanter, die sofort umloggen, wenn ich frag, wann sie mir mal etwas enchanten können.

Weitergehende Beispiele sind Rufitems, die teilweise durchaus noch was wert sind: wer seinen Rufgrind fertig hat und mitbekommt, dass wer anders da noch aktiv ist, der schiebt oft seine Rest rüber, anstatt sie ins AH zu schmeißen. Gleichermaßen habe ich damals für Umme für meinen DK zwei Dunkelmond Sets bekommen oder den Stoff für die Armschienen meines Schamis. Ich kann mich also nicht beklagen, dass ich nur geben muss. Aber man muss diese Freundschaften eben pflegen, nicht nur im Spiel, sondern eben auch mal im TS.

Was in Spielen wie WoW ein Luxus ist, ist in Spielen wie Eve oft blanke Notwendigkeit. Wenn der Kollege, der unsere Corp mit seinem Jumpfreighter versorgt, ein Cyno braucht, dann spring ich halt mal in meinen Interceptor und düs die 5 Jumps raus. Dauert zwar mit Cynodauer und allem Drum und Dran 20 Minuten, aber ohne JF gibts keine Ersatzmaschinen, Module und Munition. Ebenfalls letztendlich auf Gegenseitigkeit funktionieren so Dinge wie das Rausscouten von versprengten Teilnehmern der letzten Op, die frühzeitig ausloggen mußten. Das passiert jedem mal, also hilft eben auch fast jeder. Insofern ist es da auch noch viel weniger der Rede wert als in WoW, wo jeder außerhalb des Raids auch solo glücklich werden kann.

Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen. Es gibt die Lootdiebe in Eve, diejenigen, die sich als Direktoren am Corpwallet bereichern – in Wow die Mobber, Schmarotzer und Intriganten. Und wenn man das Pech hat, an solche Leute öfters zu geraten, dann kann ich mir gut ausmalen, warum man dann lieber im eigenen Schneckenhaus bleibt. Wenn ich auf meine WoW Karriere zurückblicke, dann gibt es in der Hinsicht zwei Entscheidungen, die ich bereue. Die erste ist meine Rückkehr zu GoA, wo ich die Vorbehalte mir gegenüber, auch aufgrund von Schilderungen von Sleth und anderen total unterschätzt habe. Ich habe es da dann knappe 3 Monate ausgehalten, aber wenn man in jedem Raid Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt, von offenem Antagonismus ganz zu schweigen, dann nimmt man irgendwann seinen Hut. Ich habe mir da nichts vorzuwerfen, außer eventuell nicht schon früher die Reißleine gezogen zu haben.  Die andere Sache lag unmittelbar davor – es handelt sich um die Entscheidung, mit zu Placeholder zu wechseln. In der Retrospektive muss ich sagen, ja, es war ein Fehler, aber einer, den ich nicht hätte vermeiden können, die Alternative wäre gewesen, mir alleine eine andere Gilde zu suchen. Da hätte es damals nicht soo viele Alternativen für meinen Schami gegeben und was ich so von Leuten, mit denen ich nach der Auflösung von Placeholder/Entropie noch Kontakt hatte, gehört habe, wäre ich da glaube ich auch nicht glücklich gewesen, weil die Atmosphäre bei Addicted schon sehr einzigartig war. Als ich zu GoA das zweite Mal kam, habe ich Kroesus damals auf die Frage, wie er sicher sein könne, dass ich nicht wieder verschwinden würde, gesagt: Wenn die Gilde mich nicht verarscht, verarsche ich auch die Gilde nicht. Daran habe ich mich auch, zumindest aus meiner Sicht, gehalten.

Dennoch, das sind kurze Episoden gewesen, gemessen an der Dauer, mit der ich schon MMOs spiele. Denn rückblickend bin ich bis zu meinem ersten Quit auf Blackrock dort sehr gut gefahren, ebenso in meiner Frostwolf Zeit. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht mehr vorstellen, ein MMO nur als Solospiel zu betreiben, wie ich es anfangs in Eve tat (und wo es viele Leute, die nur Missions fliegen, immer noch tun).  Auch wenn ich zu einigen Leuten nicht mehr den Kontakt habe, den ich hatte, als ich noch aktiv mit ihnen gespielt habe, so fallen mir doch sehr viele Namen/Alteregos ein, deren Bekanntschaft mich bis heute nicht reut. Und auch bei Dementum sind es alte und neue Gesichter, über die ich mich sehr gefreut habe und mit denen ich dann heute eben vieles außerhalb der Raids unternehme.

Nochmal rückblickend betrachtet, bis auf wenige Ausnahmen sind die Highlights wirklich alles Gruppenereignisse gewesen: diverse Firstkills, das AQ Eröffnungsevent auf Perenolde, die nächtlichen Roguerunden auf dem DS TS, das Raiden als MT mit GoA in BC, die Stammgruppen Zeiten in Classic, die Minipvpgruppen bei Add oder eben das Sunwellraiden.  In Zeiten, wo ich Hilfe nötig hatte, sei es, weil ich auf Frostwolf frisch 80 war und kaum jemanden kannte, sei es als ich einer von drölfzig Rogues bei Dark Sunrise war, habe ich die Hilfe bekommen, ohne in Vorleistung zu gehen. Warum? Keine Ahnung, ehrlich gesagt, ich halte mich selber weder für einen Charmebolzen noch sonst für besonders talentiert in sozialen Dingen. Aber die Leute, die mich eben kannten, haben mir den Kredit gegeben, den ich brauchte. Und diese Erfahrung bewirkt eben, dass man nicht nur seinen eigenen Weg geht, sondern eben auch einmal als Teamplayer auftritt.

Das alles hat nun doch sehr wenig mit Yitus eigentlich auch sehr spannendem Thema, der Ökonomie zu tun. Ich verspreche aber, dass ich auch das noch einmal aufgreifen werde – nur so viel dazu: Items zu verschenken ist in den heutigen MMOs oft nicht so ein Akt der freundschaftlichen Gnade wie die eigene Zeit zu opfern zu Gunsten anderer. D Aber wie dem auch sei, Flames, Komplimente, Kommentare, nur raus damit.

Marcus Lottermoser
Streamer/YouTuber/Redakteur at Myself
Jahrgang '79, seit Ende der '80er nerdiger Gamer. Absolvierte die Ausbildung zum Editor bei der Computec Media AG (PC Games) in Fürth. Kommunikationsdesigner durch die School of Life, Streamer und YouTuber aus Leidenschaft! Google+