PS3 Games im Test: FallOut New Vegas – Kreuz und Quer durch die Mojave Wüste

Ich hatte es ja schon letzte Woche angekündigt, dass wir uns Bethesda’s lang erwarteten FallOut-Nachfolger im Detail ansehen werden. Nach vielen Stunden Spielzeit wird es nun Zeit für ein erstes Fazit. Je mehr Spielzeit man in Fallout New Vegas verbringt, desto klarer wird, warum Bethesda den Titel nicht Fallout 4 genannt hat: Ja, es gibt eine handvoll Neuerungen und Veränderungen, diese sind aber so minimal, dass man im grossen und ganzen das Gefühl hat, ein aufpoliertes Fallout 3 zu spielen. Also eher Fallout 3 1/2, Fallout New Vegas das AddOn, statt eben Fallout 4.

Aber der Reihe nach: Zu Beginn muss man sich zunächst einen Charakter erstellen und diesen ganz im Sinne eines RPGs Werte und Attribute zuweisen. Ob nun gekonnter Feilscher, der gut mit dem Dietrich Schlösser knackt, ein Waffennarr, der mit Schuss- und Energiewaffen umgehen kann, oder ein Meister des waffenlosen Kampfes. Hier steht jede Möglichkeit offen. Ebenso kann das Aussehen und Geschlecht euer alter Egos angepasst werden. Danach geht es auch direkt los. Da ihr zu Beginn als Kurier beinahe umgebracht und eurer Lieferung beraubt worden seid, dreht sich die Hauptstoryline um die Auflösung der Frage: „Wer hat mich angegriffen, warum und wo ist die Lieferung“?

Damit Ihr diese Fragen beantworten könnt, müsst Ihr viele Unteraufgaben, aka Quests, lösen, damit die Nebenfiguren bereit sind Eure Fragen zu beantworten. Das ganze ist recht verschachtelt und läuft nicht selten nach folgendem Schema ab: „Person A in Ort P weiss etwas über die Personen, die dich angegriffen haben. Person A redet aber erst mit dir, wenn Du ihm Item X von Person B geholt hast. Person B will für das Item aber was von Person C usw“. Man rennt also durch die Wüste und erledigt Jobs, für die es Erfahrung gibt, wodurch man im Level aufsteigt, um weitere Fertigkeitenpunkte zu verteilen. Diese sind auch bitter nötig, um gegen spätere Gegner zu bestehen. Zum Glück gibt es hier via Landkarte die Möglichkeit zur Schnellreise, sofern man den Zielpunkt einmalig selber entdeckt hat. Das spart Zeit.

Bei euren Streifzügen gibt es nahezu unzählige Items und Ausrüstung zu erbeuten. Leider ist der „Taschenplatz“ zu Beginn sehr begrenzt, da ihr nur ein bestimmtes Maximalgewicht mit Euch rumschleppen könnt. Seid ihr überladen, könnt ihr euch nicht mehr bewegen. Es empfiehlt sich also alles Unwichtige für Kronkorken, die Währung in FallOut, bei Verkäufern oder Karawanen, zu verkaufen. Das ist zwar realistisch, nervt aber dennoch, zumal man seine Items ständig selber in Schuss halten muss: Wer nicht repariert, verliert Effektivität. Ebenso kann man Ausrüstung an Werkbanken herstellen, wofür natürlich Einzelteile gebraucht werden. Ebenso können leere Patronenhülsen, die nach dem Abfeuern einer Waffe brav wieder aufgesammelt werden, wieder an der Nachladebank aufgefüllt werden. Hier sind natürlich auch einzelne Komponenten erforderlich. Ebenso lassen sich Waffen mit Mods ausrüsten, für mehr Kapazität, Durchschlagskraft, Visieren etc.

Was gut klingt, ist aufgrund des Taschenplatzes recht kompliziert. Da man die benötigten Materialien NUR an den Werk/Nachladebanken sieht, steckt man natürlich unterwegs alles ein was man findet und schaut erst bei der nächsten „Bastel-Session“ nach was man daraus herstellen kann. Recht schnell erwischt man sich mit einem Zettel und Stift neben dem Spiel sitzen, um sich die Materialien zu notieren, um Unwichtiges liegen und nur das Wichtigste mitgehen zu lassen. Ebenso unerfreulich: Fast jeder Gegner hat unterschiedliche Waffen: Sei es Laser mit Akkus oder Brennstoffzellen, 9mm, 10mm, 5.56mm, Magnum, Flammenwerfer und Co. Das führt dazu, dass Ihr neben unterschiedlichen Waffen, unterschiedliche Munition mitschleppt und bei Verbrauch auch noch deren leeren Hülsen. All das frisst natürlich wieder Gewicht.

Wer es noch realistischer haben möchte, aktiviert den neuen Hardcore Modus: Neben Platzmangel, Geldnot und verschliessener Ausrüstung und Muniton, gibt es neben Strahlung, die man übrigens mit Rad-X präventiv abwehren, oder mit Rad-Away kurieren kann, noch Schlafmangel, Durst und Hunger. Wer also nicht regelmäßig pennt, futtert und trinkt, wird schnell tot umfallen. Hier muss man also nicht nur bei HP-Defizit Essen/Trinken/Schlafen. Hier liegt, zumindest im Normal-Modus ein klarer Denkfehler im Spiel: Wer HP verliert oder sogar ein verkrüppeltes Körperteil hat, sollte etwas essen (oder spritzen), um sich zu heilen. Doch da alles in diesem Spiel knapp ist, benutzt man lieber die Schnellreisefunktion zum nächsten Dorf und haut sich eine Stunde aufs Ohr, womit alle Wunden geheilt sind. Anschließend geht es zrück ins Questgebiet, die Mobs respawnen natürlich nicht. Ob dieser „Trick“ im Sinne des Erfinders sein kann? Hierdurch werden alle HP-Regeneriereden Mittel eigentlich obsolet und das Bett zum besten Freund.

Graphisch kann Fallout New Vegas durchaus überzeugen, auch wenn die Mojave eher eine Illusion einer „Open World“ erzeugt: Sehr linear und schlauchartig wird man immer weiter Richtung New Vegas geschickt, wobei man Quest für Quest löst. Ein Abweichen vom Weg ist wenig zu empfehlen, da es in den wenigsten Fällen etwas bringt. Gerade Beginner werden am Anfang Probleme haben die passenden Quests zu finden, da Sie zum Teil tief in den Dialogoptionen der NPCs versteckt sind. Ebenso sind manche Questgeber erst bereit nach anderen Events/Quests eine Aufgabe mitzuteilen, oder noch schlimmer: Zu bestimmten Tages und Nachtzeiten. Wer also alle Quests mitnehmen will, muss die NPCs mehrfach zu verschiedenen Uhrzeit nach jeder absolvierten Quest ansprechen.

Klang das Geschriebene negativ? Im Endeffekt soll es nur klären, für welche Zielgruppe Fallout New Vegas gedacht ist. Wer ein leicht zugängliches „Red Dead Redemption“ im postnuklearen Western Setting erwartet, wird wahrscheinlich schwer enttäuscht sein. Viel mehr ist New Vegas eine Weiterentwicklung von Fallout 3, die auf die Komponenten „Open World“ verzichtet und stattdessen mit „Realismus“ und „Herausforderung“ punktet. Denn Fallout New Vegas ist bock schwer und gerade in den ersten Stunden nicht leicht zugänglich. Das dürfte Fans von Fallout 3 und Herausforderungs-Pursiten begeistern, Spieler die nur Zwischendurch mal ein „Borderlands“ zocken wollen, wahrscheinlich in den Wahnsinn treiben. Sicherlich kann man sich auch in New Vegas die Zeit mit Minispielen ala Black Jack, Roulette und Karawane (einem Kartenspiel, was eigens für New Vegas erfunden wurde) vertreiben, den seltenen Schneekugeln nachjagen, oder seltene Waffen suchen bzw. zusammenbauen: Allerdings ist Karawane so wie das restliche Spiel auch: Schwer.

Auf der Kehrseite bleibt noch zu erwähnen, dass die uns vorliegende Version einige Bugs und Glitches beinhaltet: Laderuckler bis hin zu kompletten Systemabstürzen sind leider keine Seltenheit. Die gleichen Probleme hatte Fallout 3 zu Beginn allerdings auch, die mit folgenden Patches korrigiert wurden. Bleibt zu hoffen, dass Bethesda recht schnell einen Patch für New Vegas nachschiebt, der diese Fehler korrigert. Immerhin ist das Speichersystem so gut, das es bei jedem Betreten/Verlassen einer neuer Location automatisch speichert. So verliert man bei einem Neustart in der Regel nur wenig Progress.

Marcus Lottermoser
Streamer/YouTuber/Redakteur at Myself
Jahrgang '79, seit Ende der '80er nerdiger Gamer. Absolvierte die Ausbildung zum Editor bei der Computec Media AG (PC Games) in Fürth. Kommunikationsdesigner durch die School of Life, Streamer und YouTuber aus Leidenschaft! Google+